WM Balaton

3:30 Im Osten wird es schon langsam wieder hell als Jens Uwe mich in Passau aufsammelt. Ich setze mich direkt auf den Fahrersitz und neben mir schläft Jens Uwe schon fast, immerhin hat er über die Hälfte der Strecke zum Balaton schon hinter sich.

7:00 Mit einem guten 100er-Schnitt sind wir 300km und genauso viele Stunden später über Wien. Ich darf „über“ Wien sagen da wir, von Westen kommend die Föhrenberge überwinden zu haben und der letzte Abstieg eröffnet einem einen wahnsinnigen Blick über Wien. Erinnert mich sehr an die Anfahrt auf Hamburg die Harburger Berge sind natürlich nur unwesentlich flacher. Den Ausblick auf die Stadt kann ich nur kurz genießen, mein Bordcomputer lässt mich am nächsten Kreuz die Abfahrt nehmen.

8:00 Vorbei am Neusiedler See erreichen wir die Ungarische Grenze die so unspektakulär ist wie jede andere in Europa, dafür habe ich jetzt noch 170 km Landstraße in Ungarn vor mir. „Kreisel und Löcher“ mehr muss ich nicht sagen…

9:00 Es fängt an zu regnen, Aussentemperatur 13°C
9:30 Es regnet immer noch ziemlich stark. Wir sind inzwischen am See angekommen aber am unteren Ende also weitere 40 km bis zum Ziel.

Ab 10:00

Das Areal der Regatta ist ein Campingplatz mit gewissen Regeln: Boote sind in zwei Reihen aufzustellen, Trailer werden nur auf den ausgewiesenen Plätzen geparkt und nach 22:00 Uhr wird nach Regel 69 protestiert sollte man als Segler auffallen. Das klingt aber schlimmer als man vermuten würde, sobald der Regen aufgehört hatte konnten wir aufbauen und ganz fix unser Boot vermessen lassen, das Team der Organisatoren wusste anscheinend genau was sie taten und das unser C2 als Wildcat registriert wurde nahmen wir dann einfach mal so hin. Den ersten Testschlag hoben wir uns für das Practice Race am Sonntag auf und in netter Runde gabs dann Bier und Pizza.

Vor dem ersten Rennen am Montag bat uns der Wettfahrtleiter zu einem Meeting um uns vorzubereiten was wir denn von ihm und dem See zu erwarten hätten. Laut der Vorhersage für die Woche konnte damit gerechnet werden das nach Mittwoch alle Segel gestrichen werden müssten, mit gutem Wetter und Hitze kommt die Flaute und diese Erkenntnis ergibt ein straffes Programm für die Segler in den ersten Tagen.
Laut unseren Meisterschaftsregeln ist eine WM dann erst gültig wenn die Qualifikation abgeschlossen ist, das würde bei 101 angetretenen Schiffen bedeuten, dass jede der 4 Gruppen zweimal gegen jede andere Gruppe antreten muss, also zu dann insgesamt 6 Läufen. Dieses Prinzip wird auch „Round Robin“ genannt.
Um also den Zeitplan einzuhalten versprach uns der Wetffahrtleiter kurze Rennen, wobei der Kurs so fair wie möglich nach der mittleren Windrichtung gelegt werden würde. Winddreher seien keine Seltenheit, unter Änderungen von 90° kommt ein Abbruch oder die Verlegung einer Tonne nicht in Betracht und ist auch kein Grund zum Protest. Achja und VIEL SPAß hat er uns auch noch gewünscht.

Ich glaube jeder Mensch hat schon mal davon geträumt im Lotto zu gewinnen, neu ist vielleicht nur die Erkenntnis das man diesen Traum erreichen kann während man eine Weltmeisterschaft segelt. Die Unkonstanz des Windes in Stärke und Richtung bereitete vielen Teams Schwierigkeiten in den vier Rennen des ersten Tages. Eine bevorteilte Seite gab es fast immer doch sie zu treffen war nicht wirklich vorhersehbar. Aus deutscher Sicht konnten sich Sachs erfreulich weit vorne platzieren und mit Wolfgang Godderis war ein weiteres Boot unter den Top 40. Dahinter im Mittelfeld waren Jens Uwe, Thomas Haupt, Jörn Horst, Joachim Dangel, Peter Tischer und Herman Brandstetter mit ihren Crews zu finden. Aus unserer Sicht waren wir trotz des Windes mit einer Ausnahme Plätze um 25 (bei 50 Booten an einem Start) gesegelt und lagen auf Platz 48 des Rankings, was so ziemlich unser Zielsetzung entsprach.

War der erste Tag schwierig, so wurden in den nächsten Tagen die Bedingungen nicht eben einfacher. Der Wind nahm von knapp 12 Knoten am 1.Tag weiter ab, Dienstag konnten zwei Gruppen ein Rennen beenden, die anderen beiden Gruppen wurden durch schwindenden Wind zurückgerufen und waren damit ein Rennen im Rückstand. Wir waren in der glücklichen Gruppe die durch das Rennen „geprügelt“ wurden. Als wir auf den letzten Downwind Richtung Ziel abbogen, frischte der ansonsten sehr schwache Wind kurzzeitig auf und drehte fast 90°. Unter Spinnaker konnten wir von ungefähr Platz 20 ziemlich nah an Sachs ranfahren die zu diesem Zeitpunkt das Rennen anführten. Schlagartig starb der Wind und das Feld stand fest, die ersten 30 Boote extrem nah beieinander. Das Wasser war so flach und der Wind so schwach das man Böen mit dem Auge nicht mehr erkennen konnte, als wir dann mit dem Glück der Dummen plötzlich doppelt so schnell an all den Topteams vorbei zogen, wurde hinter uns gejohlt und geklatscht. Im Endeffekt retteten wir uns doch nur auf den 20.Platz aber immerhin noch vor Darren Bundock, der am Abend verzweifelt versuchte seine Chancen auf den Titel zu wahren indem er Unterschriften zur Annulierung des Rennens sammelte. Der Antrag wurde abgelehnt und Sachs hatten ganz sicher nicht unterschrieben, denn vor den beiden waren nur die italienischen Wildcat Europameister im Ziel gewesen.
Nach diesem Rennen durften wir dann noch Zeugen eines Spektakels von unglaublichem Ausmaß werden. Die beiden anderen Gruppen durften bei inzwischen etwas Druck noch einen Startversuch wagen, bis Mischa Heemskerk unter Spinnaker die Leetonne rundete und gegen das Feld mit halbem Wind zur Luvmarke fuhr. Das war dann auch unserem Wettfahrtleiter zuviel und er verschob die restlichen Rennen auf den nächsten Tag.

Mittwoch sollten also drei Starts stattfinden: einmal zu Rennen 5 und zweimal zu Rennen 6. Nach Abschluss der Rennen ging es zurück ans Land für die Einteilung in Gold und Silber Flotte. Aufs Wasser sollten wir nicht mehr kommen, durch einige Proteste wurde die Einteilung erst spät am Nachmittag getroffen. Unter anderem wurde gegen die Segel der Marke „Sail Innovation“ protestiert da diese mit unerlaubtem Material verstärkt worden sind. Bemerkenswert ist das diese Segel die WM in Erquy 2010 gewonnen haben und auch in Ungarn wurden die von einigen Topteams benutzt. Im Endeffekt wurden die betroffenen Teams aber unerwartet nicht Disqualifiziert, die Argumentierung der Jury war, dass die Nutzer der Segel von dem Gebrauch verbotener Materialien in ihren Segeln nichts wissen könnten.
Der Donnerstag wurde zum Layday und mehr als Rumliegen wollte man auch nicht unter extremer Hitze, die Kaffebude mit dem Schatten spendenden Schirm wurde bis zum späten Nachmittag nicht verlassen. Die Rennen des Tages wurden dann am Abend an der Wasserskianlage ausgetragen, die den Bootsliegeplätzen direkt vorgelagert war.

Jens Uwe und ich hatten als 48. gerade so noch die Goldflotte geschafft und waren jetzt natürlich dementsprechend heiß uns mit den ganz großen der Szene messen zu können. Und der Freitag brachte uns unverhofft eine schöne Portion Wind. Dieser letzte Tag entschädigte uns für die vier vorangegangenen, der Wind wehte mit 3-4 Bft und dazu noch relativ konstant aus einer Richtung. Das wir dann doch nur Platzierungen am Ende unserer Flotte einfuhren lag jetzt nur noch an der Qualität unserer Gegner. Zum krönenden Abschluss fuhren wir im letzten Finalrennen dann doch noch ganz knapp an die Top20 heran, sogar Sachs konnten wir in dem Lauf hinter uns lassen. Wir fuhren also mit gutem Gefühl Richtung Richtung Slipanlage, das wir dann leider einen Protest gegen uns bekamen und ihn auch verloren konnte daran auch nichts mehr ändern.

Sachs wurden dann doch noch Weltmeister, nicht nur als schnellste Abbauer und Wegfahrer sondern auch in der Kategorie „Masters“, für besonders erfahrene Crews. Für den Rest sind bei einer WM vielleicht die Spitzenplatzierungen (noch) weit weg und doch kann man neben dem Spaß auch einiges an Erfahrungen mitnehmen und eigentlich sind doch alle diese Orte auch geeignet um sich zu erholen von zuhause.

Euer Max